Der elbpackguide in der Anwendung: Neue Erkenntnisse aus der Bewertung von Kaffeeverpackungen
Kaffee gehört weltweit zu den meistkonsumierten Getränken. Auch in Deutschland spielt er eine zentrale Rolle: Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch von Kaffee lag 2024 bei etwa 163 Litern (Quelle) .
Parallel dazu hat sich der Markt für Einzelportionssysteme wie Kapseln und Pads in den letzten Jahren stark entwickelt. Diese Systeme bieten eine einfache Zubereitung, eine präzise Dosierung und einen effektiven Aromaschutz. Gleichzeitig stehen sie aus Nachhaltigkeitsperspektive zunehmend in der Kritik. Der Grund: Einzelportionssysteme weisen komplexe Materialverbunde, eingeschränkte Recyclingmöglichkeiten und im Vergleich zu Großgebinden häufig einen hohen Verpackungsanteil pro Portion auf.
Vor diesem Hintergrund wurde im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit im BFSV analysiert, wie nachhaltig ausgewählte Kaffeeverpackungen aus dem Supermarkt unter Anwendung des elbpackguides sind und welche Erkenntnisse sich während der Durchführung der Bewertung für die Anwendung und Weiterentwicklung des elbpackguide ableiten lassen können. Ausgewählte Erkenntnisse werden im Rahmen dieses Artikels vorgestellt.
Der elbpackguide ist ein vom BFSV entwickeltes, webbasiertes Tool zur systematischen Bewertung von Verpackungslösungen entlang zentraler festgelegter Nachhaltigkeitskriterien. Er dient als unterstützende Entscheidungshilfe bei der Wahl von Verpackungen. Nach Eingabe der erforderlichen Verpackungsdaten erfolgt die Bewertung der Verpackungsalternativen automatisch, die dahinerstehende Methodik basiert auf dem Verfahren einer Nutzwertanalyse. Nähere Infos: www.elbpackguide.de
Einordnung der Untersuchung
Die vorliegende Vorstellung ausgewählter Ergebnisse der Untersuchung dient ausdrücklich nicht der öffentlichen Bewertung einzelner Marken oder konkreter Verpackungslösungen. Aus Datenschutz- und Vertraulichkeitsgründen werden die 16 untersuchten Einzelportions-Verpackungssysteme daher in diesem Beitrag nicht weiter im Detail vorgestellt.
Im Fokus der Vorstellung der Arbeit steht vielmehr die Fragestellung, inwieweit sich der elbpackguide neben Getränkeverpackungen auch auf weitere Produktgruppen anwenden lässt. Der elbpackguide wurde ursprünglich auf Basis von Getränkeverpackungen entwickelt. Daher kann es je nach Produktgruppe sinnvoll sein, sowohl die Gewichtung (im elbpackguide auch als sog. Nachhaltigkeitsprofil bezeichnet) einzelner Nachhaltigkeitskriterien als auch die Anforderungen an die benötigten Verpackungsdaten zukünftig anzupassen.
Die Untersuchung zu Kaffeeverpackungen lieferte hierzu wichtige Erkenntnisse: Sie zeigte, welche elbpackguide-Kriterien bei Einzelportionssystemen besonders relevant sind und an welchen Stellen die Methodik weiterentwickelt oder produktspezifisch angepasst werden kann.
Untersuchungsansatz
Für die Untersuchung wurden insgesamt 16 unterschiedliche Einzelportions-Verpackungssysteme für Kaffee aus dem Lebensmitteleinzelhandel analysiert.
Die Verpackungen wurden, unter Berücksichtigung der empfohlenen Methodik im Sinne des elbpackguides, systematisch dokumentiert, fotografisch erfasst und anschließend detailliert untersucht. Zur Vorbereitung der Bewertung standen für die Dateneingabe dabei insbesondere im Fokus:
- der Verpackungsaufbau und die einzelnen Komponenten
- die Bestimmung der Verpackungsgewichte und Gewichte einzelner Komponenten
- die Identifikation der eingesetzten Materialien je Verpackung
Für die Verpackungen lagen während der Untersuchung keine detaillierten Spezifikationen mit Angaben zu Materialien vor. Für diese Untersuchung wurden in diesem Fall zur präziseren Materialcharakterisierung neben den auf den Verpackungen deklarierten Informationen auch analytische Verfahren wie Infrarotspektroskopie (IR) und Differential Scanning Calorimetry (DSC) eingesetzt. Diese Methoden ermöglichen allgemein eine zuverlässige Identifikation auch komplexer Mehrschichtmaterialien und tragen damit zu einer fundierten Datengrundlage bezüglich der Verpackungsmaterialien bei.
Die anschließende ökologische Bewertung erfolgte mithilfe des oben bereits erwähnten elbpackguide. Berücksichtigt werden im elbpackguide allgemein:
- Verpackungsgewicht
- Verwertung
- Materialursprung
- Erkennbarkeit der Entsorgung
- Mehrwegfähigkeit
Die Bewertung mit dem elbpackguide basiert auf einer Nutzwertanalyse, bei der die einzelnen Kriterien zunächst gewichtet und zu einem Gesamtscore aggregiert werden.
Zentrale Erkenntnisse aus der Anwendung
Im Folgenden stellen wir ausgewählte Erkenntnisse vor, die sich aus Ergebnissen der Analyse ergeben haben. Punkt 1 und 2 beziehen sich vor allem auf den methodischen Teil, die Punkte 3 bis 6 zeigen nochmal inhaltlich spannende Erkenntnisse.
1. Anpassung der Kriteriengewichtungen für die Bewertung erfolgt
Ein zentraler Bestandteil der Bewertung war die produktgruppenspezifische Anpassung dieser Gewichtung (sog. Nachhaltigkeitsprofil im Sinne des elbpackguides). Hierfür wurde ein separater Paarvergleich durchgeführt, um die relative Bedeutung der Kriterien im Kontext von Kaffeeverpackungen zu bestimmen. Daraus ergab sich final folgende Kriteriengewichtung (siehe auch Abbildung 1):
- Gewicht: 40 %
- Verwertung: 30 %
- Materialursprung: 20 %
Erkennbarkeit der Entsorgung: 10 %
Abbildung 1: Auswertung der Gewichtungsanpassung (Nachhaltigkeitsprofil), Quelle: eigene Darstellung auf Basis des elbpackguides
Das Kriterium Mehrwegfähigkeit wurde mit 0 % gewichtet, da innerhalb der untersuchten Stichprobe keine Mehrwegverpackungssysteme identifiziert werden konnten.
Diese Anpassung verdeutlicht einen zentralen Aspekt des elbpackguide: Die Relevanz einzelner Nachhaltigkeitskriterien ist nicht statisch, sondern variiert je nach Produktgruppe und Anwendungsfall.
Gerade im Bereich der Kaffeeverpackungen zeigt sich, dass bestimmte Kriterien, wie hier die Mehrwegfähigkeit, derzeit noch keine praktische Relevanz oder Umsetzung im Markt besitzen, während andere, wie Verpackungsgewicht und Recyclingfähigkeit, stärker in den Vordergrund rücken.
2. Der elbpackguide kann sich auch für komplexe Verpackungssysteme eignen
Das Bewertungsmodell des elbpackguide ließ sich erfolgreich auf komplexe Verpackungssysteme wie Kaffeekapseln und Pads anwenden.
Diese Verpackungen bestehen häufig aus mehreren Materialien und Komponenten. Dennoch konnten sie mithilfe der Bewertungsmethodik systematisch bewertet und miteinander verglichen werden.
Damit zeigt die Untersuchung, dass das Bewertungssystem des elbpackguide, ohne Berücksichtigung der vorgegebenen Gewichtung, auch für heterogene Einzelportionssysteme im Kaffeesektor geeignet ist.
3. Der Materialeinsatz pro Portion ist ein entscheidender Nachhaltigkeitsfaktor
Ein besonders wichtiger Einflussfaktor ist das Verhältnis von Verpackungsgewicht zur enthaltenen Produktmenge.
In der untersuchten Stichprobe lag das Verpackungsgewicht pro Tasse Kaffee zwischen 0,47 g und 6,11 g, also mehr als eine Größenordnung Unterschied.
Diese große Spannbreite zeigt, wie stark sich unterschiedliche Verpackungskonzepte im Materialeinsatz unterscheiden können. Es ist zudem nicht auszuschließen, dass ähnliche Schwankungen im Verhältnis von Verpackungsgewicht zu Produktmenge auch bei anderen Produktgruppen beobachtet werden können.
Vor dem Hintergrund der Abfallhierarchie kommt der Vermeidung von Materialeinsatz eine zentrale Bedeutung zu, was auch bei der Entwicklung von Verpackungslösungen berücksichtigt werden sollte. Im elbpackguide führt unter Anwendung der vom elbpackguide vorgegebenen Gewichtung ein reduziertes Verpackungsgewicht zu einer besseren Bewertung.
4. Die Materialauswahl bestimmt die Recyclingfähigkeit
Neben dem Materialgewicht spielt auch die Materialkombination der Verpackung eine zentrale Rolle.
Sortenreine Materialien können im elbpackguide deutlich besser bewertet werden als komplexe Verbundmaterialien. Während sortenreine Materialien im Bewertungsmodell bis zu 100 % im Kriterium Verwertung erreichen können, werden Verbundmaterialien deutlich schlechter bewertet, da sie in der Praxis häufig schwer zu trennen und zu recyceln sind.
Viele der untersuchten Kaffeeverpackungen nutzen jedoch mehrschichtige Strukturen, die zwar gute Barriereeigenschaften bieten, jedoch die stoffliche Verwertung erschweren.
5. Verbraucherinformation und Recyclingfähigkeit
Ein weiterer Faktor ist die Erkennbarkeit der richtigen Entsorgung.
Im elbpackguide wird dieses Kriterium berücksichtigt, da die Effizienz von Sammel- und Recyclingsystemen stark davon abhängt, ob Verbraucher Verpackungen korrekt trennen können. Da bei der durchgeführten Bewertung nicht auf allen untersuchten Verpackungsalternativen eindeutige Hinweise zur Entsorgung vorhanden waren, wird die Relevanz klarer Entsorgungsinformationen an dieser Stelle hervorgehoben.
Verständliche und eindeutige Hinweise zur richtigen Entsorgung können dazu beitragen, dass Verpackungen korrekt getrennt und den vorgesehenen Verwertungsströmen zugeführt werden. Fehlende oder unklare Kennzeichnungen können hingegen dazu führen, dass grundsätzlich recyclingfähige Verpackungen nicht sachgerecht entsorgt werden.
Vor diesem Hintergrund wird empfohlen, eindeutige Entsorgungshinweise auf Verpackungen bereitzustellen, um sowohl die Recyclingfähigkeit in der Praxis zu unterstützen als auch eine bessere Bewertung im Rahmen des elbpackguide zu ermöglichen.
6. Kleine Designentscheidungen können große Auswirkungen haben
Die Bewertung verschiedener Verpackungskonzepte für Kaffee zeigte außerdem, dass bereits vergleichsweise kleine Unterschiede im Verpackungsdesign große Auswirkungen auf die ökologische Bewertung im elbpackguide haben können.
Unterschiede in:
- Materialdicke
- Anzahl der Verpackungskomponenten, zusätzliche Packhilfsmittel
- Einsatz von Verbundmaterialien
können den Gesamtscore einer Verpackung im elbpackguide deutlich beeinflussen.
Damit wird deutlich, wie entscheidend frühe Designentscheidungen in der Verpackungsentwicklung für die spätere Nachhaltigkeitsbewertung im elbpackguide sind. Besonders wirkungsvoll sind dabei:
- Reduktion des Materialeinsatzes
- Verwendung recyclingfähiger Materialstrukturen
- Vermeidung komplexer Verbundmaterialien
- klare Entsorgungshinweise
Viele dieser Aspekte können bereits früh im Verpackungsdesign berücksichtigt werden und haben großen Einfluss auf die Gesamtperformance im elbpackguide.
Abbildung 2 verdeutlicht die im Sinne des elbpackguides relevanten Verpackungseigenschaften.
Abbildung 2: Optimale Eigenschaften einer nachhaltigen Verpackung, Quelle: elbpackguide
Wie robust sind die Ergebnisse?
Ein wichtiger Bestandteil der Untersuchung war eine Sensitivitätsanalyse der Bewertungsmethodik, die das Verfahren standardmäßig ergänzt, um die Stabilität der Rangfolge bei veränderten Annahmen zu testen.
Dabei wurde untersucht, wie stark sich die Ergebnisse verändern, wenn die Gewichtung einzelner Kriterien angepasst wird.
Das Ergebnis zeigte ein interessantes Muster:
Die besten und schlechtesten Verpackungssysteme bleiben über verschiedene Gewichtungsszenarien hinweg relativ stabil, während sich im Mittelfeld teilweise deutliche Verschiebungen ergeben.
Das bedeutet:
- Aussagen über sehr gute oder sehr problematische Verpackungen sind relativ robust
- mittlere Bewertungen reagieren stärker auf Veränderungen der Gewichtung
Ausblick: Weiterentwicklung des elbpackguide
Die Untersuchung lieferte wichtige Erkenntnisse für die Anwendung und Weiterentwicklung des elbpackguide.
Sie zeigt, dass Verpackungssysteme komplexer Produkte wie Kaffeekapseln systematisch bewertet und vergleichbar gemacht werden können. Gleichzeitig wird deutlich, dass nachhaltige Verpackungsentwicklung ein multikriterieller Prozess ist, bei dem Materialeinsatz, Recyclingfähigkeit, Materialwahl und Verbraucherinformation gemeinsam betrachtet werden müssen.
Die Weiterentwicklung des elbpackguide wird fortgeführt, mit dem Ziel, das Modell auf weitere Produktgruppen im Lebensmittelbereich anzuwenden und so fundierte Entscheidungsgrundlagen für nachhaltigere Verpackungen zu schaffen.
Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Interessierte sind eingeladen, den elbpackguide auch für weitere Produktgruppen anzuwenden und Feedback zur praktischen Nutzung zu geben. Gerade der Austausch mit Anwendern liefert wichtige Impulse für die kontinuierliche Weiterentwicklung der Methodik.
Weitere Informationen und Anwendungsmöglichkeiten findet ihr auf www.elbpackguide.de
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